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Die Träume unter der Stadt
Die Träume unter der Stadt
Prolog: Splitter der Nacht
Ich stehe… oder schwebe ich?
Ein Meer aus Licht und Schatten umgibt mich, fließt an mir vorbei, formt groteske Figuren. Ich versuche mich zu bewegen, möchte laufen, einfach weg hier. Aber das Wasser, in dem ich stehe, lässt mich nur mühsam vorankommen.
Jeder Schritt fühlt sich schwer und der nächste schwerer an. Ich drehe mich panisch um, falle hin und stehe wieder auf.
Etwas stöhnt, etwas lacht. Die Geräusche kommen von allen Seiten. Kurze Sätze fallen – „Du bist verloren, kann nichts dagegen machen“ oder „Du bist nur unsere Marionette.“
Ich halte mir die Ohren zu und schreie, so laut ich kann, bis mir die Stimme versagt.
Ruhe – die Wesen und Schatten sind verschwunden, haben Alina, meiner Schwester, Platz gemacht. Sie winkt, deutet mir, ich solle zu ihr kommen. Aber egal, wie viele Schritte ich mache, sie kommt nicht näher.
„Aber sie bewegt sich doch gar nicht. Wie kann das sein?“
Bei dem Versuch, sie zu rufen, bewegt sich mein Mund, aber es kommt kein Ton heraus. Alina legt ihren Kopf schief, sieht mich fragend an. Ich strecke meinen Arm aus, versuche, sie zu erreichen.
Plötzlich rennt sie weg. Ich habe keine Chance, sie zu erreichen. Mich überkommt Einsamkeit, alles fühlt sich so kalt an.
Tränen laufen mir das Gesicht herunter und eine Gänsehaut ergreift Besitz von meinem Körper.
Das Wasser ist verschwunden, fließt in ein riesiges Loch weit entfernt. Jetzt oder nie. Ich renne ihr nach, sehe Alina am Horizont.
Sie ist nicht mehr alleine. Neben ihr steht eine groß gewachsene Figur. Ein Mensch? Ich kann es nicht erkennen, aber was ich sehe, lässt mein Blut gefrieren.
Ein grünes Licht strömt aus dem Kopf – wenn es überhaupt einer ist – und tastet über den Körper meiner Schwester. Erfasst jeden Zentimeter, nimmt alles auf.
Eine Hand greift nach ihr und packt sie am Hals. Sie zappelt – Knack. Sie wird regungslos. Fällt, wie ein alter voller Kartoffelsack zu Boden.
Ich stürze und schlage auf den harten Untergrund ein. Meine Hand schmerzt, wird nur durch den Verlust in meinem Herzen übertroffen. Ich würde gerne schreien, meine ganze Wut herauslassen – aber da ist keine Kraft mehr. Nicht mal dafür.
„Du solltest doch auf sie aufpassen!“ Ich reiße meinen Kopf nach oben. Eine Frau ohne Gesicht sieht auf mich herab.
„Valerie, du hast versagt!“ Ihre Worte treffen wie Dolche, kleine Messer, die mit voller Kraft auf mich geworfen wurden. Ich liege am Boden und starre in den Himmel. Einfach liegen bleiben. Das wäre toll.
Am Horizont erheben sich gewaltige Türme, die im neonfarbenen Dunst verschwimmen. Dröhnende Geräusche, halb Maschinen, halb Stimmen, hallen durch die Ferne. Menschen bewegten sich in stummen Reihen, ihre Bewegungen präzise, mechanisch – und doch schien niemand Alina wirklich zu sehen. Irgendwer muss meiner Schwester doch helfen!
Etwas anderes erregt meine Aufmerksamkeit. Die Gebäude hinter mir fallen in sich zusammen. Eine Wolke aus Staub behindert die Sicht. Nur die Geräusche erzählen, was passiert.
Immer mehr stürzen ein. Aber wieso interessiert es die Menschen nicht? Sie laufen ziellos in die Schuttwolke, bleiben stur. „Wollen die sterben?“
Schwere Schritte hinter mir – kommen näher.
Mein Kopf schreit: „Lauf!“, nur sind die Muskeln wie Zement. Sie gehorchen nicht, als wären sie nicht meine Eigenen.
Ich weine wieder. Die Angst kriecht mir die Wirbelsäule nach oben, zittert durch Mark und Bein, wie kleine Stromstöße.
„Hallo Valerie.“ Eine blecherne Stimme, tief und bedrohlich. „Endlich habe ich dich.“
Ein Agent. Ich reiße den Mund auf, aber der Schrei kommt nicht.
Meine Füße verlieren den Halt, eine Hand hat mich gepackt und hochgehoben. Die Faust des Mannes trifft mich ins Gesicht.
Dann: ein schrilles, alles zerreißendes Geräusch. Weißes Licht. Nichts.
Kapitel 1
Ein Mädchen, ein Käfig, eine Sehnsucht
Ich reiße die Augen auf. Kalter Schweiß klebt an meiner Haut. Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin.
„Es war nur ein Traum… Nur ein Traum.“ Das Klopfen in meiner Brust wird langsamer. Das Zittern wird schwächer.
Ein ohrenbetäubendes Geräusch zerreißt die Stille. Laut, schrill, unangenehm.
Meine zitternde Hand tastet suchend auf dem Boden neben dem Bett, findet den Übeltäter. Ich bin wieder mit dem Handy in der Hand eingeschlafen.
Frustriert tippe ich auf dem schmutzigen Display herum, ziele auf die Snooze-Taste und murmele: „Womit habe ich das verdient? Ich will doch nur schlafen!“
Meine Augen fallen wieder zu, möchten zurück in die Dunkelheit, aber der Traum ist noch zu nah: Es blitzt grünes Licht vor mir auf.
Ich schüttle meinen Kopf und versuche, meine Gedanken zu lenken, bewege mich dabei nicht. Vielleicht, wenn ich lange genug ruhig bliebe, würde der Tag mich einfach vergessen.
Der Wecker klingelt erneut. Ich öffne beide Augen und starre an die graue Zimmerdecke. Die Farbe spiegelt meine Stimmung perfekt wider: lustlos, zu müde zum Aufstehen.
„Valerie! Stehst du bitte endlich auf!“, höre ich meinen Vater rufen. „Deine Schwester isst schon Frühstück.“
Ich drehe mich zur Seite und drücke mir das weiche, wohltuende Kissen aufs Ohr. Verschlafen und so laut wie möglich, rufe ich: „Ja, bin gleich fertig.“
„Beeile dich. Die Schule öffnet bald. Sei ja nicht zu spät!“
Mein Vater klingt kalt und bestimmend – wie ein Befehl. Natürlich möchte ich nicht wieder zu spät sein – niemand kann sich das leisten. Die Konsequenzen sind… na ja… streng und zermürbend.
Ich drehe mich mit aller Kraft zur Bettkante und lasse mein Bein aus dem Bett fallen, dicht gefolgt vom zweiten. Auf dem Bett sitzend quäle ich mich in meine Uniform. Der graue Blazer über der weißen Bluse – steif, unbequem. Dazu der passende graue Rock. Die Kleidung engt mich ein.
Weiße Strümpfe runden alles ab. Alle Schüler sehen gleich aus, tragen das Gleiche. Uniformen, die Individualität im Keim ersticken – nur eine von Hunderten.
Ich verschwinde schnell ins Bad, wasche mir die Tränen aus dem Gesicht und putze die Zähne. Zum Schluss kämme ich meine langen, weißen Haare und betrachte mein müdes Spiegelbild. „Wow, ich könnte, als verdammter Panda, im Zoo wohnen.“
Kraftlos schlürfe ich aus dem Zimmer, jeder Schritt ist anstrengend. Im Flur steht mein Vater, mit verschränkten Armen und steinernem Blick. Neben ihm meine Schwester.
„Jetzt nimm Alina und geht zur Schule. Ich werde erst heute Abend wieder daheim sein. Ich habe einen wichtigen Termin.“
Müde sage ich nur: „Ja, Vater. Komm, Alina, ich begleite dich zur Schule.“
„So wie jeden Scheißtag“, schießt mir der Gedanke durch den Kopf.
Mein Vater schaut mich streng an, sagt aber nichts mehr. Er verlässt als Erster die Wohnung.
Alina fragt: „Hast du wieder nicht schlafen können?“ Ihr Blick ist bedrückt, die Stimme lieblich und sanft. Sie versucht, zu mir durchzudringen, aber ich blocke sie ab.
„Passt schon. Ich bin irgendwann eingepennt. Wann genau? Keine Ahnung“, antworte ich, reibe mir dabei mit Zeigefinger und Daumen über beide Augen. „Auf geht’s. Ich möchte nicht, dass du zu spät bist.“
Wir verlassen die Wohnung. Die Wände drücken. Jeder Schritt hallt laut. Putz blättert überall ab.
Wir nehmen schweigend den Aufzug vom 33. Stock nach unten. Metall quietscht, die Neonröhren flackern. Als die Türen sich öffnen, schlägt uns der Geruch von Desinfektionsmitteln und anderen Reinigungsmitteln entgegen – kalt und steril, so wie immer. Vor uns Hunderte identische Briefkästen grau, nummeriert, vergessen. Sie sind wie stumme Gräber unserer Träume. Wir betreten die Straße.
Es regnet.
So wie jeden Morgen laufen wir beide still nebeneinander. Ich halte den Schirm, der groß genug ist, dass wir beide Schutz darunter finden. Wir drängeln uns durch die Menge an Menschen, die schon unterwegs sind.
Ein Ellenbogen trifft mich im Gesicht. Der Mann geht weiter, ohne sich zu entschuldigen. Ein heißer Funke der Wut entzündet sich in mir.
"Wichser!", murmele ich.
„Psst“ zischt Alina sofort. „Willst du, dass dich jemand verpfeift?“
Mir kriecht etwas kalt über den Rücken und ich schaue nur wütend zur Seite. So viele Gedanken kreisen durch den Kopf, aber ich sollte – nein – ich muss sie für mich behalten. Jedes falsche Wort kann jemand aufgreifen. Niemand weiß, wer lauscht. Im schlimmsten Fall ist ein Agent in der Nähe.
Der Regen hört langsam auf und ich packe den Schirm ein. Die Mega-City, in der wir wohnen, offenbart sich in voller Pracht.
Die Stadt, die sich vor uns aufbaut, ist ein Monolith aus Stein, Glas und Stahl – gigantisch, abweisend, funktional. Hochhaus an Hochhaus, Fenster an Fenster, Balkon an Balkon – in perfekter Gleichförmigkeit. Es ist, als hätte jemand einen Betonwürfel kopiert, tausendfach vervielfältigt und akkurat aufgereiht.
Überall dampfen Rohre, tropfen Klimaanlagen, brummen Generatoren. Ein gleichmäßiges, dumpfes Dröhnen, das mich den ganzen Tag begleitet.
Drohnen fliegen über die Dächer, kaum wahrgenommen, wie kalte Vögel in einem künstlichen Ökosystem.
Es stinkt nach Abgasen, Öl und Schweiß, heute schlimmer als sonst.
Zwischen den riesigen Gebäuden sind breite Straßen, doch sie wirken wie Schluchten – tief, dunkel, gefüllt mit Menschenmengen.
Menschen, deren Gesichter müde und ausdruckslos sind. Jeder ist unterwegs, aber niemand scheint anzukommen.
Einzelne Werbetafeln, riesig, laut, flackernd, reißen grelle Farben in das trübe Grau.
„Gesund durch Kontrolle.“ – „Verbinde dich. Für ein besseres Ich.“ – „Ehre den Fortschritt.“ Parolen, die so selbstverständlich klingen wie Straßennamen.
Ein Junge in Alinas Alter bleibt neben uns stehen, weil sich ein Schnürsenkel gelöst hat. Sofort fährt das rote Auge einer Kamera auf ihn. Eine Drohne schwebt heran, scannt ihn von Kopf bis Fuß. Der Junge richtet hastig den Blick nach unten, bindet seinen Schuh im Laufschritt und rennt weiter. Niemand hilft ihm, niemand sagt etwas. Alle drehen ihre Köpfe weg, als wäre nichts passiert.
Ich zwinge mich weiterzugehen. Über uns, auf Höhe der oberen Etagen, ziehen gläserne Brücken von einem Turm zum nächsten. Dort leben die Wohlhabenden. Dort oben gehen nur die ein und aus, deren Social-Score über neunzig liegt. Die Vorzeigearbeiter, die sich alles gefallen lassen und dafür belohnt werden.
Ich schiebe den Gedanken weg. Mein Score wird nie so hoch klettern. Unser Platz bleibt hier unten, zwischen den Schatten. Die Stadt ist nicht nur ein Ort, sie ist ein System. Lebendig in ihrer Kälte. Atemlos in ihrem Rhythmus. Und ich spüre, dass ich Tag für Tag weiter ersticke und nicht hierher gehöre.
Wir beide kommen an der Schule an. Der Schulhof ist still. Über 700 Schüler und Schülerinnen stehen in Reih und Glied, bis die Tore sich öffnen. Kein Wort zu viel, kein Lachen, kein Drängeln – nur graue Uniformen und gesenkte Blicke.
Alina und ich reihen uns hinten ein. Wir sollten uns in der Öffentlichkeit nicht drücken, keine Gefühle zeigen. Daher fassen wir uns kurz an die Hände – ein Ritual, ein stilles Einverständnis, das mehr sagt als tausend Worte. „Der U-Bahnschacht.“ Unser heimliches Versprechen. Das Licht am Ende des Tunnels.
Acht Uhr, die Türen öffnen sich. Der Strom setzt sich im Gleichschritt in Bewegung.
„Hey Val, du bist heute mal pünktlich“, höre ich eine vertraute Stimme hinter mir. Sie gehört meiner besten Freundin Frances und ich mag es, so von ihr genannt zu werden. Wir fristen unser Dasein in der gleichen Klasse.
„Das heißt, dass du auch mal pünktlich bist.“ Ich kann nicht anders, als zu grinsen – klein, heimlich, damit sie es nicht sieht. Ein kleines Grinsen, das aber so viel mehr bedeutet. Frances' Worte sind wie ein kleines Aufbäumen gegen die ganze graue Welt hier.
Eine Durchsage krächzt: „Willkommen zu einem neuen lehrreichen Tag, liebe Schüler. Die Schule hat jetzt geöffnet. Geht in eure Klassenräume und denkt an das Motto: Disziplin, Lernbereitschaft und Fleiß.“
Der Lautsprecher knackt.
„Wohl eher: Unterdrückung, Manipulation und Hirnfick!“, sagt Frances gerade so laut, dass es nur ein paar Schüler in ihrer Umgebung hören können. „Die sollen mich doch alle am Arsch lecken. Irgendwann brennt der ganze Scheiß hier!“
Als Frances kleinlaut rebelliert, mache ich große Augen. "Spinnst du? Wenn das einer hört, darfst du wieder stundenlang die Propaganda des Systems abschreiben!", flüstere ich zurück.
„Bleib entspannt Süße. Sie können mir irgend so eine Scheißaufgabe aufdrücken, aber sie werden mich niemals ändern. Dieses System kriegt mich nicht“, sagt Frances in normaler Lautstärke.
Eine Kamera ist auf uns gerichtet. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, während ich flüstere: „Aber dann kannst du heute Nachmittag wieder nicht zu uns kommen. Alina hat eine neue Melodie im Kopf, die sie auf der Gitarre spielen wird. Das möchtest du doch nicht verpassen, oder?“
Wohlwissend, dass das Frances kaum überzeugen kann, versuche ich es doch auf diese Art.
„Den eigentlichen Grund, warum ich Frances dabeihaben will, kann ich nicht sagen“, bleibt unausgesprochen in meinem Kopf.
Also beiße ich mir auf die Lippe und schaue wieder zu Boden. Wütend auf mich selber.
Wir kommen an der Tür an. Jeder muss seine ID-Karten an das Lesegerät halten, sonst dürfen wir nicht eintreten. Von außen wirkt das Gebäude, gebaut aus Backsteinen und seinem Bogen in der Mitte, mit der großen Analoguhr, schon fast freundlich.
Der einzige Farbtupfer in der grauen Stadt, welches kein anderes Gebäude im näheren Umkreis schafft. Doch kaum trete ich ein, schlägt mir eine Kälte entgegen. Keine, die von der Temperatur selber kommt – sie ist in die Wände eingezogen. Diese sind weiß, verziert mit dreieckigen grauen Akzenten. Alles ist steril.
Im Vorraum hängt unser Richter. Ein riesiges Display, das gnadenlos die Scores anzeigt. Jeder sieht, wo er steht. Jeder weiß, wer fällt. Mein Name blinkt auf. Fünf Punkte Abzug. Begründung: unangemessenes Verhalten auf dem Schulhof. Ich sacke innerlich zusammen. Platz 534. So schnell kann man abrutschen. Und jeder hier hat es gesehen.
Wir gehen weiter. Der Flur riecht nach Desinfektionsmittel, alles wirkt stillgelegt und tot. Über jeder Tür hängt eine weitere Kamera, darunter ein zweites Display mit den Namen der Schüler in diesem Klassenraum. Die Zahlen neben den Namen flackern wie Fieberkurven. Jeder Punkt zählt.
Im Klassenzimmer wartet schon Sang-Woo. Nicht in Person, sondern auf dem Bild über der Tafel: kalt, streng, allgegenwärtig. Sein Blick verfolgt dich, egal wo du stehst. Der CEO von Seraphis Corp. Ihm gehört nicht nur die Firma. Ihm gehört die ganze Stadt.
Die Plätze sind streng zugewiesen. Vorne sitzen die Schüler mit den niedrigsten Scores. Sie tragen ihre Uniformen wie Auszeichnungen, Rücken gerade, Köpfe erhoben. Dahinter die breite Masse. Ganz hinten, wo die Blicke der Lehrer selten hinreichen, sitzen die mit den höchsten Werten. Niemand will dort landen.
Jeder weiß, was es bedeutet: Extra-Aufgaben, öffentliche Rügen, fehlende Chancen auf eine spätere Zuweisung. Ein stilles Stigma, das an dir klebt wie Schmutz. Mein Display blinkt rot, als ich mich auf meinen Platz bewege. Alle haben es gesehen. Ich spüre die Blicke im Rücken, als hätte ich etwas Unaussprechliches getan. Dabei habe ich nur zu lange nachgedacht. Platz 536.
Ich stehe an meinem Platz, der Blick ist nach vorne gerichtet. Im Augenwinkel sehe ich die feuerroten Haare von Frances. Sie lehnt an ihrem Tisch, rebellisch und lässig, während ich stocksteif an meinem Platz stehe, unfähig, die einfachste Regel zu missachten. Auf ihrem Display leuchtet: 656. Ich spüre, wie eine Welle der Wut und Scham mich überkommt. Wut auf das System, Scham über meine eigene Feigheit.
Die Lehrerin betritt den Raum. Alle Schüler, auch Frances, legen ihre rechte Hand, zur Faust geballt, an ihr Herz. Der Chor erklingt, mechanisch, dumpf: „Seraphis! Erleuchte unseren Pfad, zeige uns den rechten Weg. Wir gehorchen und dienen.“
Meine Stimme versagt. Nur ein Flüstern kommt heraus. Mein Herzschlag dröhnt im Kopf. Ich atme stoßweise, flach und abgehackt. Frances stößt mir in die Seite und holt mich zurück. Die Kamera piept. Minus zehn Punkte. Frances’ Display leuchtet rot. Sie zuckt nur mit den Schultern, grinst frech, als würde jeder Abzug sie stolzer machen.
Die Lehrerin hebt die Stimme, als würde sie ein Gebet sprechen. „Seraphis schenkt uns Kraft. Seraphis schenkt uns Ordnung.“ Darauf folgt ein strenges „Setzen!“
Ihre Unterlagen liegen geordnet bereit und sie beginnt stolz, über unseren Bezirk und die Energiegewinnung zu sprechen.
Ich kann ihr nicht folgen. Jedes Wort von ihr verpufft in einem dumpfen Dröhnen, das schon draußen in der Stadt begann. Über der Tafel blinkt die rote Kamera auf. Jeder weiß: Ein falscher Blick, ein falsches Wort und dein Score fällt.
Aber ich fühle mich so ausgelaugt. Meine Lider sacken herab. Ich reiße sie auf, kneife mich ins Bein, spüre den Schmerz. Fünf blaue Flecken von gestern, einer mehr heute. Einschlafen kostet fünfzig Punkte.
Die Stunden fühlen sie wie zäher Kaugummi an. Die Uhr tickt. Die Kamera blinkt. Tick. Blink. Tick. Blink.
Ich schaffe es nicht mehr gegenzuhalten. Meine Gedanken schweifen ab. Der Traum windet sich, wie eine Giftschlange, durch meinen Kopf, lässt mir keine Ruhe. Das leblose Gesicht meiner Schwester, mein eigenes Versagen, die gesichtslose Frau.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen – es klingelt. Das erlösende Klingeln. Die Schüler, der 11. Klasse, haben den Tag überstanden.
„Jetzt geht’s zu Alina“, denke ich, als wir das Gebäude verlassen. „Die Glückliche hat immer eine Stunde eher Schluss.“.
Frances läuft neben mir, ihr Grinsen trotzig breit. „Siehst du Val? Keine Strafe heute.“ Sie sagt es, als wäre es ein Sieg über das System. „Los wir gehen schnell zur U-Bahn. Ich möchte endlich entspannen können.“
Ich nicke nur und folge ihr. Auf dem Weg treffen wir Thomas.
„Bin ich froh, dich zu sehen. Der Tag war mal wieder absoluter Bullshit“, sage ich leise.
„Na Valerie, wie geht’s dir heute?“, fragt Thomas, wie jeden Tag. Und wie jeden Tag weiß ich nicht, was ich sagen soll.
"Passt schon." Dieselbe Antwort, dieselbe Lüge. Alle wissen es, keiner spricht es aus.
„Minus 10 Punkte also?“, sagt er mahnend. „Fuck Valerie. Du solltest mal wieder positiv auffallen.“
Frances rollt mit den Augen. „Ach komm. Wenn du ganz unten bist, will eh keiner mehr was von dir. Vorteil.“
Wir kommen am Rand der Stadt an. Die Mauer, welche den Bezirk umgibt, erstreckt sich, soweit das Auge blicken kann. Aber ein kleines Geheimnis hat sich uns vor zwei Jahren offenbart. Der Fluss, der den Bezirk teilt, fließt durch ein Gitter. Eines mit Loch. Eine Öffnung auf die andere Seite.
Statt Hochhäuser stehen hier alte kleine verfallene Häuser, in denen seit Jahren niemand mehr lebt. Aber das Wichtigste: Es gibt hier keine Patrouillen. Hier beginnt unser kleines Stück Freiheit. Die Straßen sind voller Geröll. Die Fensterscheiben sind zerbrochen, die Fensterläden hängen herunter, Türen sind beschmiert und Fassaden angesprayt. Seit Jahren wurde hier nichts ausgebessert.
Wir gehen gezielt auf das Haus mit der Nummer 34 zu, denn es verdeckt etwas, dass uns Jugendlichen alles bedeutet. Von außen unscheinbar, innen halb eingestürzt. Im Keller klafft ein Loch. Unser Eingang ins Paradies.
Eine selbst gebaute Holzleiter führt uns drei nach unten. Der Tunnel hält noch, aber viele kleine Löcher in der Decke, zeigen den Verfall. Wenigstens können sich so ein paar Sonnenstrahlen ihren Weg bahnen. Staubpartikel schweben darin wie winzige Funken, die langsam zu Boden sinken.
Noch bevor ich unten bin, höre ich die Gitarre. Alinas Melodie füllt den Tunnel, warm, brüchig, echt. Mein Herz schlägt schneller. Ich springe die letzten Stufen, renne zu ihr und umarme sie.
Endlich. In diesem Augenblick fühle ich mich nicht mehr wie ein Geist. "Alina, ich freue mich so sehr, dich zu sehen", sage ich. Meine Stimme ist weich und voll Leben.
„Hallo ihr. Ich hatte schon das Gefühl, der Tag hört nie auf“, murmelt Alina. Sie ist nicht extrovertiert, spricht ungern. Nur wenn sie Musik macht, dann kann sie ihre Gefühle ausdrücken und herüberbringen.
Sylvana sitzt stillschweigend auf dem roten Sofa und winkt uns zur Begrüßung zu, widmet sich aber gleich wieder ihrem Skizzenbuch – sie zeichnet uns. Auch sie ist eher ruhig und sagt wenig, gehört aber genauso zur Gruppe.
Ich lasse mich auf das Sofa fallen. „Was machen wir heute?“, frage ich in die Gruppe und schaue alle fragend an.
Thomas und Sylvana sitzen schon gemeinsam über ihren Skizzen, Alina spielt Gitarre und Frances nimmt sich ihre Spraydosen und bringt grelle Farben an die grauen Betonwände. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen, denke an eine bessere Welt. Keine Kameras. Keine Punkte. Keine Regeln.
Die Zeit im Schacht vergeht viel zu schnell. Geschichten, Farben, Musik. Ein kleines Stück einer anderen Welt. Doch irgendwann zwingt mich der Blick auf die Uhr zum Aufbruch.
„Alina, wir müssen los.“ Ihr Lächeln bricht, sie nickt nur.
*****
Zwanzig Minuten später stehen wir wieder vor unserer Wohnung im 33. Stock. Der Flur ist eng, die Luft stickig.
„Hallo?“, rufe ich vorsichtig hinein. Weder Licht noch Vater. Wir decken noch hastig den Tisch, als die Tür auffliegt. Er kommt drei Minuten nach uns herein. Sein Blick fährt über alles, prüfend, streng. Wir sagen nichts.
Der Abend ist wie jeder andere. Staatsfernsehen dröhnt. Sang-Woos Gesicht füllt den Bildschirm, dieselben Parolen wie in der Schule. ‚Seraphis schenkt uns Kraft. Seraphis schenkt uns Ordnung.‘
Ich spüre, wie Alina neben mir leise die Lippen bewegt, als würde sie eine andere Melodie mitsummen, nur für sich.
Später liege ich im Bett. Starre an die graue Decke. Ich schließe die Augen und klammere mich an den Klang von Alinas Gitarre in meinem Kopf.
Nur dieser Klang hält die Risse in mir zusammen. Noch.